|
Amadeus 2008 Konzert des Kammerorchesters Hermannswerder in der Aula des Evangelischen Gymnasiums
Es ist Sonnabend, der 19. April 2008. In die gute alte Aula des Evangelischen Gymnasiums blinzelt die Frühlingssonne. Diese wärmenden und sehr beruhigenden Strahlen hat das schulische Multifunktionszentrum auch bitter nötig, denn tagsüber werden hier Klausuren geschrieben, nachmittags proben die Chöre und abends geben sich Theateraufführungen die Klinke in die Hand. Noch am Vorabend ist der Draufgänger Liliom mit einem Mofa durch den Mittelgang gebraust. Nicht zu vergessen der gestrige berühmt-berüchtigte „Letzte Schultag der 13er“, der im ganzen Schulhaus und auch in der Aula seine Spuren hinterlassen hat.
Doch jetzt, in der vierten Nachmittagsstunde, kann das Auditorium Maximum aufatmen. Stille kehrt ein, andächtige Stille. Eine wunderschöne „Stunde der Musik“ nimmt seinen Anfang.
Johann Sebastian Bachs „Doppelkonzert“ für zwei Violinen und Orchester (BWV 1043) erklingt, dargeboten vom festlich gekleideten Kammerorchester Hermannswerder, das, ein Novum, diese berühmte Barockmusik, bis auf die vier Celli und den weiblichen Kontrabass, im Stehen zelebriert, mit Leidenschaft und Transparenz, zumindest im 1.Satz. Der 2.Satz gerät orchestral etwas zu laut, was die beiden wacker aufspielenden Violin-Solisten Jürgen Klemisch und Christoph Trusch leider etwas in die akustische Ecke stellt. Aber im Allegro ist die musikalische Welt wieder in Ordnung.
Die gut gefüllte Aula, darunter leider nur sehr wenige Schülerinnen und Schüler und leider nur eine Handvoll Kollegen, spendet herzlichen Beifall und schaut dann erwartungsvoll auf Jürgen Raßbach, der aus Briefen Mozarts vorzulesen beginnt. Jene, zumeist an den „Mon Cher“ Papa Leopold in Salzburg gerichtet, sind nicht nur eine musikhistorische Quelle ersten Ranges, sondern öffnen Blicke in die oft sehr leidende Seele des Genies des Wolfgang Amadé. Vom kalten Paris berichtet der Unterzeichner und von unerfüllten Träumen, eine seinem Können entsprechende Würdigung zu finden. Nach Salzburg zum despotischen Grafen Colloredo will der talentierte Heißsporn keinesfalls zurück.
Wäre Mozart an diesem Nachmittag in Hermannswerder vorbeigekommen, hätte er seine Freude auch an dem zweiten Musikstück, der Serenade für Streicher e-Moll von Edward Elgar, gehabt! Alle drei Sätze schweben gewissermaßen durch den Raum und verströmen fast spätromantischen Zauber.
Die sich anschließende „Musik-Pause“ gehört weiteren Mozart-Briefen, darunter ein gar süßer an seine heißgeliebte Schwester und ein untertäniger Bittbrief an einen seiner Wiener Logenbrüder, in dem das erwachsen, aber wirtschaftlich nicht selbstständig gewordene Wunderkind um 500 Gulden bittet, um dringende Ausgaben bestreiten zu können. Rührend die Versicherung, monatlich jeweils 10 Gulden abstottern zu wollen...
Dann folgt eine kurze Umbau-Pause. Der kostbare, vom Förderverein des Evangelischen Gymnasiums mit einer fünfstelligen €-Summe gesponserte Petrof-Flügel bekommt den ihm gebührenden Platz in der 1.Reihe, während sich die 3.Orchesterreihe mit Holz- und Blechbläsern füllt. Die ersten Töne von Mozarts Konzert für Klavier und Orchester (KV 482) erklingen, brillant interpretiert von der jungen Dresdner Pianistin Henrike Enger-Bodinus. Spielerisch gleiten ihre Finger über die Tastatur und der Petrof-Flügel beginnt zu jubeln. Wer den berühmt gewordenen Milos-Forman-Film „Amadeus“ kennt, weiß, dass Mozart dieses Konzert in glücklichen Wiener Tagen komponiert und aufgeführt hat. Das Haupt-Thema im 1.Satz erzählt davon.
Nach dem Allegro brandet lang anhaltender Beifall auf. Zu Recht, völlig zu Recht. Er gilt nicht nur der vorzüglichen Solistin, sondern einem aus begeisterten Laienmusikern zusammengesetzten Orchester, das seit mehr als zwölf Jahren mit der Hoffbauer-Stiftung und dem Gymnasium verbunden ist, ein Ensemble, ohne das es kein „Weihnachtsoratorium“, keine „Johannes-Passion“ und kein „Mozart-Requiem“ auf Hermannswerder gegeben hätte. Insider wissen schon längst, das oratorische Aufführungen mit Berufsorchestern schon lange nicht mehr bezahlbar sind. Um so dankbarer sollten wir den engagierten Musikern für ihre musikalische Präsenz sein, ob in der alljährlichen „Potsdamer Orchesterwoche“ oder demnächst bei Gabriel Faurés Requiem op. 48.
Das Geheimnis dieses Zusammenhalts liegt vielleicht auch in der familiär-schulischen Bindung. Im Orchester wirken nicht nur Musikschullehrer, sondern zahlreiche „aktive“ und ehemalige Eltern, ja sogar eine Schülerin aus der Jgst. 12 (Laura Schulze) und zwei Kollegen (Andrea Brüsch, 1.Violine, Hannes Immelmann, Querflöte) mit.
(Text: Andreas Flämig)
|
|
Das Kammerorchester Hermannswerder wurde 1996 gegründet und setzt sich aus begeisterten Laienmusikern und Musikschullehrern zusammen, die sich zum Musizieren auf Hermannswerder zusammengefunden haben. Neben eigenen Konzerten mit z. T. anspruchsvollen Werken wie etwa der Simply Sinfonie von Benjamin Britten, der 1. Orchestersuite von Bach und der Suite „Aus Holbergs Zeit“ von Grieg ermöglicht das Kammerorchester im Zusammenwirken mit den anderen Ensembles der Hoffbauerstiftung auch immer wieder die Aufführung von Kantaten und Messen im konzertanten und gottesdienstlichen Rahmen der Musik auf Hermannswerder.
Jürgen Raßbach Geb. 1944; Abitur und Pädagogikstudium an der Universität Rostock in den Fächern Deutsch und Latein; Lehrertätigkeit in Waren/Müritz bis 1982; fristlose Entlassung aus dem Schuldienst der DDR aus weltanschaulich-politischen Gründen; seit 1985 am Kirchlichen Oberseminar in Potsdam –Hermannswerder, dem späteren evangelischen Gymnasium; langjähriger freier Mitarbeiter der Kirchenzeitungen in Mecklenburg, Potsdam und Berlin sowie der Zeitschrift „Die Christengemeinschaft“; Vortragstätigkeit; Leiter des Hermannswerderaner Lehrertheaters und der Veranstaltungsreihe „Hermannswerderaner Abende“
Dietrich Schönherr wurde 1947 in Brandenburg / Havel geboren. Geprägt durch die wunderbare Barockorgel von Johannes Wagner (1728) im Brandenburger Dom studierte er an der Ev. Kirchenmusikschule in Halle/Saale. 1969 wurde er Kantor und Kreiskirchenmusikwart in der Niederlausitzer Kleinstadt Finsterwalde.
1981 wurde er zum Dozenten für Musik an das damalige Kirchliche Oberseminar in Potsdam-Hermannswerder berufen, der Vorgängereinrichtung des heutigen Ev. Gymnasiums. Dort wurden Schüler am staatlichen Schulwesen vorbei für ein kirchliches Studium (z.B. Theologie oder Kirchenmusik) ausgebildet. Seine Aufgabe war es, „das Haus mit Musik zu erfüllen“ - die jährlichen Chorreisen, seit 1983 durchgeführt, sind eine Frucht dieses Bestrebens. Seit 1991 sind chorsymphonische Aufführungen – Bachs Weihnachtsoratorium, Händels Messias, Haydns Schöpfung u.ä. – hinzugekommen, die zum Bekanntheitsgrad des Ev. Gymnasiums und der Hoffbauer-Stiftung beigetragen haben. Diese Konzerte werden nicht mehr vom Schulchor allein, sondern auch vom Projektchor des Ev. Gymnasiums sowie der Potsdamer Orchesterwoche oder wie in unserem Falle dem Kammerorchester Hermannswerder getragen, Ensembles, die ebenfalls von ihm initiiert wurden und unter seiner Leitung stehen. Neben der Schularbeit unternimmt D. Schönherr auch Reisen als Organist ins In- und Ausland, zuletzt nach Algier (Nordafrika). Dietrich Schönherr gründete 1996 das Kammerorchester Hermannswerder, das er bis heute leitet.
Die Solisten:
Henrike Enger-Bodinus wurde 1979 in Dresden geboren. Bereits im Alter von fünf Jahren erhielt sie Klavierunterricht bei Prof. Marlies Jacob. 1997 wechselte sie als Schülerin des „Carl-Maria-von-Weber-Gymnasium“ der Sächsischen Spezialschule für Musik zu Prof. Gunther Anger. Von 1999 bis 2004 nahm sie bei ihm weiterhin als Studentin der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in Dresden Unterricht und erlangte 2004 das Diplom für Musikpädagogik und Pianistik. Anschließend studiert Henrike Enger-Bodinus als mittlerweile Meisterklassenstudentin bei Prof. Winfried Apel in Dresden. Voraussichtlich Anfang 2009 wird sie mit dem Solistenexamen ihr Studium beschließen. Als junge Pianistin erreichte sie im Klavierduo mehrere erste Preise bei nationalen Klavierwettbewerben u. a. beim „Steinway-Wettbewerb“ in Berlin, bei „Jugend musiziert“ oder beim „Sächsischen Schubertwettbewerb“ in Leipzig. 1995 belegte Henrike Enger-Bodinus den vierten Platz beim internationalen Klavierwettbewerb „Maria Canals“ in Barcelona. 1998 trat sie als Solistin zusammen mit dem Orchester der Spezialschule für Musik im Schauspielhaus und in der Semperoper Dresden auf. Musikalische Einflüsse erhielt sie durch Teilnahme an verschiedenen Meisterkursen für Klavier u.a. bei Andrew Ball, Karl Heinz Kämmerling, Peter Feuchtwanger, Elza Kolodin, Andrew Pikul und Peter Rösel. Seit Oktober 2004 ist Henrike Enger-Bodinus als Dozentin für Klavierimprovisation und Klavier an der Hochschule für Musik in Dresden tätig. 2006 wurde sie mit dem „Arras-Preis“ einem hoch dotierten Kunstpreis ausgezeichnet und erhielt 2007 ein Stipendium des Landes Sachsen.
Jürgen Klemisch, geb. 15.12.1956, erhielt ab dem 10. Lebensjahr Geigenunterricht. Bis heute prägt die Hausmusik in unterschiedlichen kammermusikalischen Besetzungen sein Musizieren, welches er bei vielfältigen Gelegenheiten auch öffentlich zum Ausdruck brachte. Orchestererfahrung sammelte er in der 1. Violine insbesondere im Kasseler Sinfonieorchester bei der Aufführung unter anderem von Sinfonien von Brahms, Beethoven und Tchaikowski. Seit 1996 ist er aktives Mitglied im Kammerorchester Hermannswerder.
Christoph Trusch, 1977 in Potsdam geboren, erlernte das Geigen ab 1983 an der Städtischen Musikschule Potsdam bei Irmtraud Krüger und Marita Grunwald. Seit 1990 spielt er als Orchestermusiker in verschiedenen Ensembles der Stadt. Im Kammerorchester Hermannswerder ist er seit dem Jahr 2000 Mitglied. 2005 wurde er dort Konzertmeister — in dieser Position wirkte er bei Aufführungen u.a. der Johannespassion von J.S.Bach und dem Requiem von Wolfgang A. Mozart mit. Im Jungen Orchester Potsdam (Leitung: Patrick Braun) ist Christoph Trusch Gründungsmitglied und Konzertmeister alternierend. Auch bei der Potsdamer Orchesterwoche (Leitung: Dietrich Schönherr) und im Collegium musicum Potsdam (Leitung: Knut Andreas) ist der studierte Sprachwissenschaftler aktiv. Im Jugendsinfonieorchester Potsdam (Leitung: Jürgen Runge) spielt er seit 1992, war dort 1998-2003 Konzertmeister und begleitete dieses Ensemble auf bisher drei Bundesorchesterwettbewerbe. Neben gelegentlichen Soloprojekten hat das Streichquartettspiel in den letzten Jahren eine besondere Rolle in seinem musikalischen Leben eingenommen.
|