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Die Entdeckung der Langsamkeit
Geh langsam, lauf nicht, denn das Kind deines Ich, das ewig Neugeborene, kann dir nicht folgen! (Juan Ramon Jimenez, Nobelpreisträger für Literatur 1956)
Einem Nobelpreisträger für Literatur widerspricht man nicht so ohne weiteres, jedenfalls nicht, solange man selbst keiner ist. Da uns allen – das sind die Herren Blum, Hergemöller, Kittlick, von Schütz und Becker – diese Ehre unverständlicherweise noch nicht zuteil geworden ist, verwarfen wir unser ursprüngliches Vorhaben, bei der Berliner Marathonstaffel eine Rekordzeit zu laufen, und hielten uns stattdessen an die Worte des besagten Lyrikers. Welch große Anstrengung sollte dies erfordern – aber auch welch tiefe Einsichten förderte dies zu Tage!
Natürlich war es nicht leicht, dem Ausspruch des Nobelpreisträgers zu folgen, zumal jeder von uns sonst gewohnt ist, höchstens einen halben Meter zwischen dem führenden Kenianer und uns zuzulassen. Aber da die Berliner Marathonstaffel nicht gerade durch ihre internationale Bedeutung bestach, waren statt der Kenianer nur zur Hysterie neigende Magdeburger an der Spitze zu finden. Und die hatten offensichtlich kein Interesse daran, sich mit uns zu unterhalten. Also tummelten wir uns im Getümmel eher im hinteren Bereich und konzentrierten uns stattdessen verstärkt darauf, dass das ewig neugeborene Kind unseres Ichs den Anschluss nicht verliere, und zwar so intensiv, dass es für Herrn Jimenez eine wahre Freude gewesen wäre!
Mit einer Leichtigkeit trug uns diese Aufgabe bei herrlicher Herbstsonne über die Tempelhofer Start- und Landebahnen - völlig allein mitten in der großen Millionenstadt. Alle Bezugspunkte lagen so weit in der Ferne, dass man das eigene Weiterkommen gar nicht mehr wahrnahm. „Slow down! Baby, now you’re movin’ way too fast“ trällerte Paul McCartney uns ins Ohr, wenn‘s dann doch mal zu schnell wurde. Nur manchmal verdross uns das nervöse Keuchen eines Hintermanns, der auf keinen Fall! als Nummer 734 sondern mindestens! als Nummer 733 ins Ziel kommen wollte. Solche übellaunigen Gefährten trafen wir oft wenige hundert Meter später am Boden liegend, herzlich umsorgt von den Reanimierungskünstlern des Roten Kreuzes wieder.
Wer gerade nicht selbst lief, freute sich, wenn er das leuchtende Rot der phantastischen, von unserem Förderverein gesponserten Trikots mit der programmatischen Aufschrift „Hermannswerder Lehrerteam“ in der Ferne sah und beklatschte die Leistung des gezielten Entschleunigens gemeinsam mit unseren drei aufgeräumten Unterstützerinnen frenetisch. Nur einmal mussten wir drastische Maßnahmen ergreifen, da in der Euphorie des Augenblicks einer von uns so schnell war, dass wir ihm bei der Übergabe zunächst eine ausgiebige Ruhepause gewährten, bevor wir den Staffelstab wieder aufnahmen.
Etwas stümperhaft war es dann doch von uns, dass wir es schließlich nicht geschafft haben, länger als vier Stunden zu brauchen, und es tatsächlich 144 anderen Staffeln nicht gelang, an uns vorbeizuziehen. Ein Beweis für unsere übertriebene Schnelligkeit ist auch, dass uns das ewig neugeborene Kind unseres Ich’s wohl nicht mehr folgen konnte. Wir haben es jedenfalls im Ziel nicht mehr gesehen...
Thorsten Becker; Lehrer
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